Schweigeretreat - nichts für die Mutlosen...

"Mindfulness is nothing for the weak at heart", sagt Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsmeditation.

Diesen Satz höre ich jedoch erst während des Achttägigen Retreats - wer weiß, ob ich mich darauf eingelassen hätte? Bei der Anmeldung überwog die Neugier, und ein bisschen aufgeregt bin ich doch, als ich mich unter den 60 Anwesenden umschaue, die in der nächsten Woche am Hof Oberlethe in Wardenburg meine stillen Begleiter/innen sein werden. Unser Lehrer Bob Stahl stellt die Regeln unseres Zusammenseins auf. Ahimsa - die Kunst niemanden zu verletzen - steht dabei im Vordergrund. Wir wollen an einem sicheren Ort praktizieren und dabei unsere Aufmerksamkeit schulen, mit Liebe und Güte, wie man einen kleinen Hund erzieht, so Bob, denn auch unsere Meditationspraxis soll von Liebe getragen sein.

Der Ablauf der folgenden Tage: Sitzmeditation, Frühstück, Sitzmeditation, Gehmeditation, Sitzmeditation, Gehmeditation, Sitzmeditation, Mittagessen. Nach der Mittagspause Sitzmeditation, Gehmeditation, Sitzmeditation, Gehmeditation, Sitzmeditation, Abendessen, Dharma-Vortrag. Nicht sprechen, nicht malen oder lesen, nicht schreiben, keine mobilen Geräte.

Klingt ein bisschen langweilig? Das dachte ich auch. Dabei sorgen die vielen Gedanken im Kopf schon dafür, dass die Langeweile zu ertragen ist. Ich stelle fest, dass mein Kopfkino nur darauf gewartet hat, endlich alle Filme zu zeigen, die in meinem 56jährigen Leben gedreht wurden... Dazwischen atmen, hören, spüren, atmen, Geschehenlassen. Das ungewohnt lange Sitzen bekommt meinem Po nicht gut, es zwickt und drückt überall. Mal sehen, welche hundert Sitzpositionen ich hier noch entdecke. Zwischendurch ist es zu warm oder zu kalt. Ob mir das hier überhaupt etwas bringt? Hoffentlich gibt es bald Mittagessen! Meine Sitznachbarin atmet ganz schön laut, wie soll ich mich da auf meinen eigenen Atem konzentrieren? Eigentlich würde ich jetzt viel lieber schlafen. Die Frau hinter mir trägt so einen schönen Schal, wo es den wohl zu kaufen gibt? Apropos, vielleicht sollte ich mir mal ein richtig schönes Sitzkissen kaufen....

Habenwollen, nicht Habenwollen, Unruhe, Zweifel, Schläfrigkeit... die üblichen Hindernisse auf einem Retreat.

Wer bis zum Abend durchhält, wird von einem Dharma-Vortrag unseres Lehrers belohnt.

Das Dharma beschreibt die Sammlung der Lehren Buddhas, welche auf Weisheit und Mitgefühl beruhen. Gleich am ersten Abend erklärt Bob, dass die Angst vor dem Tod unsere größte Angst ist. "Everyone thinks that everyone else is going to die except for me."

Nach dem Buddha sind die Ursachen von Leid: Altwerden, Krankheit, Tod. Diese gilt es zu überwinden, aber wie?

Wenn wir eine Antwort finden wollen, so unser Lehrer, müssen wir die Kontrolle aufgeben und uns auf dieses so kostbare und zerbrechliche Leben einlassen. Zunächst, indem wir uns auf unseren Atem konzentrieren und wahrnehmen, was in unserem Körper geschieht, wenn der Atem in uns hinein- und wieder hinausströmt.

Dazu kommen Geräusche, innen und aussen, Gedanken, unsere alten Geschichten, die wir mit uns herum tragen.

Liebevolles Mitgefühl, Güte und Achtsamkeit sollen unsere Begleiter bei der Meditation sein.

Am dritten Tag werde ich aggressiv. "Gebt mir doch endlich mal etwas zu tun!!!", denke ich und atme. Atme. Atmen.

Glücklicherweise lädt nicht nur das große Gelände des Seminarhauses, auch die umliegenden Felder und Wiesen, zum Spazierengehen und Laufen ein. Die Mittagspause ist lang genug zum Laufen und Energie loswerden, der idyllisch gelegene See lenkt von allzu quälenden Gedanken ab. Im Gewahrsein des gegenwärtigen Moments fällt es mir leichter, Gedanken kommen und gehen zu lassen.

Während der Gehmeditation sind wir eingeladen, auch achtsames Yoga oder Tai Chi zu machen, und mein Körper dehnt und streckt sich dankbar der Sonne entgegen.

Nach der großen Unruhe kehrt Gelassenheit ein. Ich betrachte die Frösche am Teich, welche unbeweglich im Schlamm sitzen, ich gehe mit vier unglaublich glücklichen Hühnern durch den Garten und versuche, meinen Geist so ruhig werden zu lassen wie die indischen Statuen, die das Gelände bewachen.

Gefühle von Angst und Traurigkeit werden ans Ufer meines Gewahrseins gespült, doch auch sie müssen nicht bleiben, sondern dürfen kommen und gehen, wie meine Gedanken. Dazwischen entdecke ich ein großes Meer von Liebe, welches mich trägt.

Im wesentlichen werden wir von drei Gefühlsregungen gesteuert, erklärt unser Lehrer: angenehm, unangenehm und neutral. Indem wir darauf achten, wann welches Gefühl getriggert wird, können wir verhindern, dass unser Geist auf die Suche nach ähnlichen Gedanken geht und ein ganzes Arsenal an unangenehmen Erinnerungen auffährt, welches uns suggeriert, wir hätten ein schweres, schlimmes Schicksal. "Our mind is the creator of our own heaven and hell through our thoughts."

Stattdessen im Atem oder im Körper verankern und weiterhin achtsam sein. Das Schneeball-Prinzip kann unterbrochen werden.

Je näher das Ende des Retreats rückt, umso mehr spüre ich eine gewisse Unruhe in mir. Freude auf meine Familie zu Hause, viele Fragen tauchen auf, Unsicherheiten, wie das Ankommen wohl wird. Mein Geist reist in die Zukunft.

Letzter Tag. Bob verneigt sich vor unserem Durchhaltevermögen und unserem Mut. "It takes a lot of courage to sit with ourselves - we might get frightened."

Es ist seltsam, die ersten Worte zu sprechen. Überraschenderweise erwartet mich Traurigkeit, dann erst Freude. Die Stimme ist unsicher, zerbrechlich, kostbar, wie das Leben.

Wer bin ich ohne meine Geschichten? Diese Frage und viele andere nehme ich mit. Nach Hause und zum nächsten Retreat...

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© 2019 Nicole Zijnen

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