Auszeit

Mitten im Leben, mitten im täglichen Geschehen, gibt es auf einmal einen kurzen Moment der Unachtsamkeit, und alles ist anders.

Ich hatte mich zur Seite gebeugt, um einen kleinen Koffer hoch zu heben, und - etwas in meiner Schulter wollte das nicht. "Muskelfaserriss", meinte der Arzt und fügte wohlwollend hinzu: "Seien Sie froh, dass keine Sehne gerissen ist. Das dauert ungefähr sechs Wochen, bis Sie wieder beschwerdefrei sind."

SECHS WOCHEN? Und meine Termine? Meine Pläne?

Ich sass da, mit einem Arm, den ich kaum bewegen konnte, ach ja, rechts natürlich, und nahm Rezepte in Empfang: Schmerzmittel, Schlinge (zum Ruhigstellen des Arms), Krankschreibung.

Und haderte. Mit dem Leben. Mit mir selbst. Mit den kleinen Unachtsamkeiten.

Doch der Schmerz sprach mit mir. Anfangs hörte ich ihn nicht, da ich selbst stöhnte und wimmerte. Alles ging so langsam vonstatten: anziehen, duschen, eine einigermassen bequeme Position im Bett oder auf der Couch finden. Manches ging gar nicht: Autofahren, heben, tragen, Schuhe zubinden...

Glücklicherweise hatte ich Familienangehörige, die sich um mich kümmerten und für mich kochten, die Einkäufe erledigten, mich versorgten. Und meine Katzen, die sich einfach auf mich legten, wie immer, schwiegen und schnurrten. Als sei nichts geschehen.

Da ich sowieso nichts tun konnte, hörte ich dem Schmerz zu. Er sagte: "Mach langsam. Schone dich. Halt einfach still." Und das tat ich. Ich hatte keine andere Wahl. Überraschenderweise tat es gut, einmal nichts zu tun oder langsam, aufmerksam, single-tasking. Mit den Gedanken bei einer einzigen Tätigkeit zu sein. Ich beobachtete, wie mein Atem ruhiger wurde und tiefer. Ich las. Ich schlief. Ich meditierte mit dem Schmerz. Ich stellte mir vor, er sei eine Feder und würde ganz leicht und zart, bis er davon wehte.

Nach und nach wurde der Schmerz tatsächlich leichter, ich nahm weniger Schmerzmittel und schlief wieder besser. Ich übte mich in Gelassenheit, freute mich über jeden kleinen Fortschritt, konnte bald die Schlinge beiseite legen.

Der Schmerz ist mittlerweile fast davon geflogen. Drei der vorausgesagten sechs Wochen sind vorüber. Ich gehe zur Physiotherapie und trainiere meine Schulter. Mein Leben ist ruhiger geworden, ich auch. Single-tasking möchte ich beibehalten, denn es tut gut. Auch bekochen lasse ich mich noch eine Weile, es tut auch gut. Es wird neue Termine geben und mehr zu tun, wenn ich wieder bereit dafür bin. Vorerst bin ich meinem Schmerz sogar dankbar und höre ihm gut zu, wenn er mir etwas zuflüstert. Ich glaube, es ist wieder Zeit, still zu halten. Es tut gut.

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© 2019 Nicole Zijnen

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